Professor Hark Bohm

Offener Brief an den Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg

An den
Ersten Bürgermeister
der Freien und Hansestadt Hamburg
Herrn Ole von Beust
Rathausmarkt 1

20095 Hamburg
15. Dezember 2003

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister,

Sie sollen heute ein Gesetz in die Bürgerschaft schicken, durch das Hamburger Bürger in Neuenfelde enteignet werden, damit eine Frachtversion des Airbus A380 auf Finkenwerder und dann auch in Neuenfelde landen kann.

Jeder Hamburger weiß, dass Sie und die Senatoren gerade jetzt mit Arbeit überhäuft sind. Es wäre nur zu verständlich, wenn Sie nicht wissen können, dass die Gesetzesvorlage mit Desinformationen und Tatsachenverzerrung begründet wird. Andere würden wohl von Lügen sprechen.

Worum geht es tatsächlich?

Die Airbus Deutschland GmbH verlangt von der Stadt, die Landebahn, die für den Airbus A380 bereits durch Gelder der Stadt auf 2684m verlängert wurde, jetzt um 589m auf 3.273m über den Deich in das Dorfgebiet Neuenfelde hinein zu verlängern.

Desinformation/Tatsachenverzerrung

Airbus behauptet, die A380 Frachter brauchen diese 589m mehr als die normalen A380. Das wisse man erst seit 2002. Schon bei dieser Behauptung muss jemand lügen.

Sie können dem Airbus-Internet Folgendes entnehmen:

Für die ersten Frachter wurde schon am 29. Juli 2000 eine Kaufabsicht erklärt und am 4. November 2001 ein Kaufvertrag geschlossen. Kaufte der Kunde damals ohne die Landebahnlänge zu kennen?

Der Programmmanager Airbus North-America, Dan Cohen-Nir, hat am 17. Juni 2003 den aus aller Welt in Boston versammelten Flughafendirektoren mitgeteilt, der Frachter A380-800F brauche 140ft weniger Landebahnlänge als die Passagierversion.

Eine andere Airbus-Internet Information sagt neuerdings, der Frachter brauche 50m mehr als das Passagierflugzeug.

Der Airbus-Ingenieur Franz-Rudolph Brühl stellte intern fest, der Frachter brauche keine längere Startbahn (vgl Spiegel 42/2003, Meldung wurde nicht dementiert).

In einer Anforderung vom April 1998 hatte Airbus von der Stadt verlangt, für ein Startgewicht von 530 to eine Rollbahnlänge von 3.035m bereit zu stellen.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren: Entweder sind das alles Idioten oder einer lügt.

Die Wirtschaftsbehörde will dennoch der Forderung von Airbus nachkommen.

Alle Arbeitsplätze bei Airbus in Gefahr? Der § 1 ihrer Gesetzesvorlage tut so, als ob alle Arbeitsplätze bei Airbus in Gefahr wären, wenn die Frachter nicht landen könnten. Damit soll das Wohl der Allgemeinheit Hamburgs in Gefahr sein.

In der Begründung heißt es, wenn der Frachter nicht käme, wäre eine wesentliche Arbeitsplatzverlagerung die Folge, Hamburg werde in die „zweite Liga“ (der Flugzeugbauer) zurückfallen.

Hier erleben Sie die klassische Desinformationsstrategie.

Die Begründung nennt keine einzige Tatsache. Sie malt, wie die Priester in Babylon, ein Menetekel an die Wand. Sie droht mit dem Dunkel der Zukunft. Sie verweist auf „bisherige Erfahrung“, ohne zu sagen, wie diese Erfahrung konkret mit Arbeitsplatzzahlen belegt werden kann. Die Lebenserfahrung sagt etwas ganz anderes: Konzerntochter Airbus Deutschland baut drei Typen A318, 319, 321 vollständig auf Finkenwerder. Außerdem entstehen dort Teile für andere Typen, z.B. Rumpfsektionen des A380, die mit Schiff Richtung Toulouse fahren. Das alles bringt 9.500 Arbeitsplätze. Die bleiben, ob der Frachter kommt oder nicht.

Soll der Hamburger Senat, soll die Bürgerschaft, also wegen unbelegbarer Behauptungen, Hamburger Bürgern ihre Grundstücke rauben? Sollen weitere 100 Mill. € aus dem Vermögen der Stadt, also dem Vermögen der Bürger, ausgegeben werden, damit ein Privatunternehmen eine längere Landebahn erhält? Die müsste dann für die Ortsumgehung Finkenwerder auch noch untertunnelt werden.

Ich habe allerdings Anlass zu glauben, dass Airbus Deutschland etwas ganz anderes will. Für den Frachter genügt mach Expertenmeinung die bestehende Landebahn. Fast nebenbei steht in der Gesetzesbegründung, die Stadt habe Airbus Deutschland schon 1997 die gleiche Landebahnlänge versprochen wie in Toulouse, insgesamt 3500 Meter. Das fordert Airbus Deutschland jetzt ein. Obwohl 1997 dies Versprechen unter der Voraussetzung gegeben wurde, dass die gesamte Produktion des Airbus A 380 von der Entwicklung bis zur Auslieferung nach Hamburg kommt. Das alles ist aber nach Toulouse gegangen. Hamburg bekam als Trostpflaster die Lackierung, Kabineneinrichtung und Auslieferung. Die Montage der Rumpfsektionen ist, wie gesagt, ohnehin nicht von der Landebahnverlängerung abhängig.

Airbus Deutschland will eine Landebahn wie in Toulouse, um für künftige Möglichkeiten offen zu sein. Eine Enteignung von Hamburger Bürgern, um einem Privatunternehmen künftige Möglichkeiten offen zu halten, ist sicher rechtswidrig.

Hark Bohm

© by Dr.P.C. Mohr und Sylvia Borgmann, Hamburg 2000-2004. Letzte Änderung: 2003-12-18 01:00