Prof. Dr. Peter Klein:

"... denn was eine Milliarde wirklich bedeutet..."

Eine Kulturnation unterscheidet sich von einer Affenhorde durch die selbstverständliche Geltung eines Wertsystems, durch das offenkundig verrückte Ideen, kaum ausgedacht, sogleich auch wieder ohne weitere Diskussion im Papierkorb verschwinden.

In einer immer kindischer werdenden Gesellschaft bejubelt eine Millionenstadt - eine der reichsten Regionen der Erde - aufgehetzt von einer unglaublich primitiven Medienkampagne, die endliche formaljuristische Erlaubnis, ihr Stadt- und Landschaftsbild - plus Lebensqualitat und Sicherheit von Tausenden - ruinieren zu dürfen, um Blechdosen zu bemalen und Sesselchen anzuschrauben. Sie ist bereit, dies erhabene Privileg mit einer Milliarde DM zu bezahlen - oder 1,5 oder 2, - man weiß das nicht so genau!

Zwar war ein Hoher Senat, der diesen "Erfolg" als das "glücklichste" Ereignis seiner Regentschaft feiert (und nicht mal bemerkt, welchen politischen Offenbarungseid er damit leistet, während die Welt mal wieder die für ein Linsengericht hündisch dankbaren Deutschen belacht) - dieser Senat also war ja ursprünglich mal auch mit der Absicht angetreten, die Verschuldung der Stadt - 30 Milliardenl - und ihre Zinsbelastung (4 Millionen pro Tag!) endlich ein bisschen zu verringern. Die zu erwartenden Schäden und lllusionen "Arbeitsplätze" (Tausend, oder zwei oder vier - das weiß man auch nicht so genau), "High Technology", "Synergieeffekte" (durch Malerarbeiten und Strippenziehen!) sind schon von berufener Seite unwiderlegt dargestellt worden. Deshalb will ich hier nur an zwei Beispielen die großzügig verstreuten Milliardenzahlen konkretisieren; denn was eine Milliarde wirklich bedeutet, ist angesichts der Gewöhnung der Öffentlichkeit an "Milliarden"-Geschäfte mit Börsen-Luftblasen vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten.

Befragt, ob er für "Arbeitsplätze" sei - wer würde da nicht "Ja" sagen! Konkret besagen die herumfliegenden Zahlen: jeder einzelne dieser Plätze kostet die Öffentlichkeit eine halbe, oder eine, oder zwei (je nachdem) Million - die könnte man genauso gut in bar auszahlen, sei's an die (noch fiktiven) "Arbeitsplatz"-Inhaber (das gäbe aber wohl Revolution) oder an die, die sie bezahlen sollen: die Bürger - fragen Sie mal, wer dann immer noch "dafür" wäre!

Aber dieses Geld ist ja gar nicht vorhanden (sondern muß durch neue Schulden aufgebracht werden, von deren Zinsen - und das ist ja der eigentliche Sinn des Vorhabens - nur die Banken profitieren): Fordern Sie also von jedem einzelnen Hamburger, dass er zusätzlich zu seinen sonstigen Steuern eintausend Mark (also: zwei für Ehepaare, und drei und mehr für jeden Familienvater) aus seiner Haushaltskasse für den Flugzeugbau beisteuere - das gäbe dann ja wohl auch eine Revolution!

Zu den erwarteten technologischen "Synergie"-Wundern: Zu Beginn dieses Jahres musste die Universitatsbibliothek 1000 (in Worten: eintausend!) Fachzeitschriften (in denen sich der wirkliche wissenschaftliche Fortschritt abspielt) aus Geldmangel abbestellen - sie wurde zwar damit zur Provinzbibliothek, aber es werden dadurch ganze 500.000 (eine halbe Million) Mark pro Jahr eingespart. Was hedeutet nochtnal eine Milliarde? Ganz recht: tausend Millionen! Also: für die hier zur Vergeudung anstehende Milliarde hätte man diese tausend Fachzeitschriften seit Christi Geburt beziehen können (bei zwei Milliarden gar: seit dern Bau der Pyramiden!!). Die dabei angefallenen "Synergieeffekte" wären sicherlich beeindruckender als die, die sich in Finkenwerder aus dem Bemalen von Blechbüchsen ergeben sollen.

Frau Sager: wenn Sie denn schon von Ihrer Grünen Vergangenheit nichts mehr wissen wollen - tun Sie doch wenigstens Ihre Senatorenpflicht für Iht Ressort und fordern die Milliarde für die Universität ein, damit dort wenigstens Ihre wieder konkurrenzfähige Wissenschaft gemacht werden kann. Verteilen Sie meinetbalben den Betrag auf zehn Jahre,

denn in zehn Jahren, wenn frühestens das erste "Superflugzeug" vom Band laufen wird, wird es einen "Bedarf' dafür nicht mehr geben. Wenn es kein Kerosin mehr gibt und die Atmosphäre keine Atemluft mehr spendet, ist es auch zu Ende damit, mal eben drei Badewannen Treibstoff pro Fluggast zu verpulvern für einen Einkaufstrip nach Hongkong, Wasserski in Sansibar oder einen Bordellbesuch in Banghok - für derlei lebenswichtige "Bedarfe" wird der Schandvogel doch hauptsachtich gebaut!

Prof. Dr. Peter Klein, Blankenese

© by Dr.P.C. Mohr und Sylvia Borgmann, Hamburg 2000-2004. Letzte Änderung: 2001-07-01 05:33