Gedanken und Informationen rund um den Baubeginn der Airbus-Erweiterung und die Bedrohung für Neuenfelde

Was ist der aktuelle Stand?

Die Stadt Hamburg hat damit begonnen, Flächen für die Airbus-Erweiterung herzurichten. Sie tut dies auf der Basis eines Urteils des Hamburger Oberverwaltungsgerichts (OVG) vom 20. 2. 2001, welches in einer Eilentscheidung einer Beschwerde der Stadt Hamburg stattgegeben hat, indem es das Urteil des Verwaltungsgerichts (VG) vom 18. 12. 2000 aufhob. In jenem Urteil des VG wurde ein Baustop verfügt. Das VG hatte einer ausgewählten Zahl aus den insgesamt 289 Klagen gegen das Planfeststellungsverfahren Airbus-Erweiterung in ihrem Antrag auf Bauaufschub stattgeben. Die Planfeststellung ging nämlich ursprünglich von der "Endlinienfertigung" des A380 in Hamburg aus, diese wird aber nun in Toulouse stattfinden. Nur 5% der gesamten Wertschöpfung am A380 wird künftig im Airbus-Werk Hamburg-Finkenwerder erwirtschaftet werden (Kabinenausbau, Lackierung und Auslieferung für einige A380-Modelle, außerdem Vorfertigung von Rumpfsektionen).

Doch nun ist dieser Baustop erst mal vom Tisch. Deshalb hat die Stadt mit den Arbeiten zur Teilzuschüttung des Biotops Süßwasserwatt Mühlenberger Loch begonnen. (Mehr zur biologisch-Ökologischen Thematik hier

Gab es zuwenig Widerstand?

Ja und Nein. Etwa 30.000 Menschen sind in verschiedenen Vereinen im Schutzbündnis für Hamburgs Elbregion zusammengeschlossen, das sich gegen die Airbus-Erweiterung wendet. Andererseits haben sich in der "Allianz für A380" alle führenden Wirtschaftsverbände der Region zusammengeschlossen und in einer beispiellosen Medienkampagne die OVG-Beratung begleitet. Die Airbus-Gegner waren in dieser Medienschlacht unterlegen, so daß auch ihre Argumente nicht entsprechend verbreitet werden konnten.

Welche Entwicklung ist zu erwarten?

Der östliche Teil des Alten Landes, insbesondere der zum Hamburger Stadtgebiet gehörende, wird nun mit erhöhter Geschwindigkeit industrialisiert. Nach Altenwerder und Moorburg für den Hafen wird nun Neuenfelde für Airbus aufgegeben, ebenso die dazugehörigen landwirtschaftlichen Flächen und natürlichen Gebiete. Diese Entwicklung ist aber keine Überraschung, ist doch diese Region in der Vorstellung der jeweiligen Hamburger Regierungen seit vielen Jahrzehnten für die Gewinnung neuer Flächen für Hafen und Industrie vorgesehen.
"Diese Stadt hat immer davon gelebt, daß sie gewachsen ist", so Hamburgs Bürgermeister vor kurzem. Und wie jede andere Großstadt frißt auch Hamburg seine Umgebung auf. Hanseatisches Profitstreben hat zwar auch vor 300 Jahren ermöglicht, die Kunst Arp Schnitgers, um die es hier auch geht, zu finanzieren, aber wie wir vom "Industrieboß" Arp Schnitger wissen - und auch er war ein "Global Player" - war seine Art der Betriebsführung vom Profitdenken, der Ressourcenvernichtung und dem unwürdigen Umgang mit der Mitarbeiterschaft, wie dies bei heutigen Großkonzernen üblich ist, weit entfernt.
Dieser Schritt zur Industrialisierung des Alten Landes muß auch an anderen Fragen rühren. Er hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor, einer Gesellschaft, die es in Ordnung findet, ihre Blumen zwei bis vier Flugstunden entfernt pflücken und anfliegen zu lassen, ihr Vieh durch Europa zu karren und dabei BSE und andere Krankheiten zu erzeugen und zu verbreiten und demzufolge auch Millionen Kühe zu verheizen, die es normal findet, die Aktentasche mit 90 PS und 1.100 kg Stahl unterfüttert ins Büro zu schaffen...
Das gehört jetzt nicht hierher? So zu argumentieren, wäre weltfremd? Nein, das hat auch damit zu tun. Der Flugverkehr wird sich bis 2020 verdreifachen, sagt die Industrie. Warum eigentlich?
Übrigens hat die Region Hamburg und letztlich auch Deutschland durch den Umgang mit dem Mühlenberger Loch und die Art und Weise, wie die Baumaßnahmen durchgesetzt wurden, jede Berechtigung verloren, sich im Ausland gegen die Zerstörung des Regenwaldes, gegen Walfang etc. etc. zu erheben.

Was kommt auf Neuenfelde zu?

Eine längere Landebahn. Die Kirche und der Ortskern werden dann nicht mehr 1.000m vom Aufsetzpunkt, sondern im Fall der maximalen Bahnlänge von 3.500m, welche Airbus bereits politisch zugesagt wurde, eben nur mehr 250m entfernt sein. Nach den geltenden Vorschriften ist die Kirche als Luftfahrthindernis dann 15-20 Meter zu hoch, von den aerodynamischen und akustischen Auswirkungen der je nach Beladung 400 oder 500 Tonnen schweren A380, welche in einem Winkel von 3 Grad über den Ort einschweben würde, gar nicht zu reden. Manche Häuser müssen abgetragen werden, andere werden unbewohnbar.
Die längere Landebahn ist für den Bau und vor allem den problemlosen Betrieb größerer Flugzeuge erforderlich. Auch von Airbus selbst war inzwischen in jüngsten Äußerungen zu hören, daß die planfestgestellte Bahn ein extremes Minimum an Länge aufweist - eine Boeing 747, immerhin einiges kleiner als die A380, dürfte nach gegenwärtigen Bestimmungen auf der geplanten Piste überhaupt nicht landen.

Ist die Landebahnverlängerung unvermeidlich?

Sie ist unvermeidlich, sobald sie erlaubt wird. Erlaubt heißt: Das Projekt muþ gemeinnützig sein, wie z. B. eine Autobahn. Dann kann enteignet werden. Denn ohne Enteignung geht es in Neuenfelde keinen Meter weiter, obwohl die Stadt bereits einige Häuser im Ort erworben hat, um die Festung zu durchlöchern. Aber eben diese Gemeinnützigkeit wurde auch vom OVG, ebenso wie zuvor vom VG, noch immer nicht festgestellt! Hierin liegt also noch wesentliche Rechtsunsicherheit für die Stadt, der dortige Jubel ist eigentlich unseriös.
Wenn die Gemeinnützigkeit da ist, wird enteignet werden. Die Landebahn wird so lange wie technisch nötig gebaut werden. Denn es stehen nur wenige tausend Wählerstimmen auf dem Spiel, aber viel Geld und viel Prestige-Wirkung.

Macht die Unterstützung von INZENSO ¸berhaupt noch Sinn?

Ja! Denn das Ausmaß dieser Landebahnverlängerung ist noch zu beeinflussen, auch wenn die Neuenfelder Position in den entsprechenden Verhandlungen sicherlich nicht sehr stark sein wird. Die maximale Landebahnlänge ließe vom Ortskern Neuenfelde nur eine Kirche übrig, die unmittelbar am Rand einer Landebahn steht, auf der das größte Verkehrsflugzeug der Welt betrieben werden wird - diese Vorstellung bleibt unakzeptabel!
Ebenso geht es darum, die Substanz von Kirche und Orgel gerade auch bei allen kürzeren Landebahnvarianten zu erhalten. Hier sind Forschung, Technik und Bewahrung (Restaurierung etc.) gefragt. Es gibt dazu Absichtserklärungen aus der Stadt. Kontakte mit EADS Airbus sind vereinbart. Jede Unterstützerstimme für Kirche und Orgel auf dem INZENSO-Weg stärkt die Verhandlungsposition, stärkt gewissermaßen die Position von Arp Schnitger! Denn nur die jetzt lebenden und handelnden Menschen, Konsumenten, Flugzeugbenutzer und Airline-Kunden können dem Anliegen der norddeutschen Orgelkunst ein Gewicht in Zahlen und Geldbeträgen (durch den Image-Faktor) verleihen! Kulturelles Erbe findet keinen Platz in den Bilanzen der Konzerne und in den Börsenberichten. Der internationale Protest der Orgelwelt ist eine Sprache, die verstanden wird.
Und schließlich: Vergessen Sie bitte nicht, daß das Hauptverfahren am VG noch nicht zu Ende ist. In diesem Sinne bitte ich Sie weiterhin herzlich um die Unterstützung des INZENSO-Anliegens.

Karl-Bernhardin Kropf

Organist an der Schnitgerorgel von St. Pankratius-Neuenfelde, Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Lübeck, INZENSO-Sprecher

1. März 2001


Neuenfelder Kirche

Die Neuenfelder Kirche St.Pankratius. Sie wurde 1682-87 auf einer Sanddüne erbaut. Auf dem kleinen Gottesacker bei der Kirche blühen bereits im Januar massenhaft Schneeglöckchen.

Die Einheit von Natur- und Kulturlandschaft, geschmückt von jahrhundertealtem Kunsthandwerk und bäuerlicher Architektur, macht bis heute die Dritte Meile des Alten Landes zu einem Kleinod in der Nähe der Großstadt.

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