Prof.Dr.Jörn Wittern






Hamburg, den 28.Mai 2001

Offener Brief an Bewerberinnen und Bewerber
aus Anlass der Airbus Engenineers Days 15./16. Juni 2001
am Standort Hamburg

Liebe Bewerberin, lieber Bewerber,

vielleicht haben Sie das Bild gesehen: Hintergrund vernietete Metallsegmente im fahlen Licht, in jedem Segment ein ovales Fenster wie bei Flugzeugen, vermutlich eine Kabine im Rohbau, geschrägte Innenansicht. Darüber groß der Text: Nieten können wir nur hier gebrauchen. Und fast ebenso groß, sympathisch kursiv, aber nach unten versetzt : AIRBUS. Links davon, wesentlich unauffälliger: "Jetzt im Internet bewerben!" "Die Zeitungsanzeige für die Airbus Engineers Days", möglich, dass Sie den Anstoß für Ihre Bewerbung gab. Für den, der flüchtig blättert, eine Anzeige wie viele, Layout gekonnt, nicht zu auffällig, Aufmacher als Slogan ganz witzig.

Frage: Wer entscheidet, wer Niete ist? Wir. Airbus also, Personalabteilung oder wer immer. Beabsichtigte Wirkung: Wenn sie mich nicht wollen, bin ich eine Niete. Ich denke, sie wissen, dass Sie keine Niete sind, auch wenn Airbus Sie ablehnt. Und wenn Sie keine Lust haben, dort zu arbeiten, auch nicht.

Außerdem sagt der Text: Bei Airbus gibt es keine Nieten außer an Werkstücken. Man würde es gerne einmal nachprüfen. Irgendwo müssen schließlich die Leute sitzen, die für die Trennung der Produktion des A 380 zwischen Toulouse und Hamburg verantwortlich sind. Sie wissen doch: Ein Rumpfsegment wird z.B. in Toulouse gefertigt, auf dem Tieflader nach Bordeaux gefahren, dort in ein Schiff verladen, das es über Atlantik und Nordsee nach Hamburg bringt, wo es an einem eigens für diese Firma gebauten Kai entladen wird. Hier wird es in einer der neu erbauten Hallen weiter bearbeitet, danach an eben diesem Kai wieder verladen und auf dem geschilderten Weg über Bordeaux nach Toulouse zurück gebracht. Dort wird das Flugzeug zusammengebaut und fliegt nun, sozusagen nackt und bloß, d.h. farblos und ohne die für die zukünftigen Passagiere, die sich hoffentlich finden lassen, bestimmte bequeme Inneneinrichtung nach Hamburg, wird dort bemalt und ausgestattet und fliegt zur wahrscheinlich feierlichen Übergabe an die so Gott will solventen Käufer nach Toulouse zurück. Das Ganze haben sich keine Nieten ausgedacht, sondern hoch bezahlte Logistikfachleute Ihrer zukünftigen Firma.

Doch der Text soll noch mehr sagen: Ob man Sie braucht, entscheiden "wir". Wer das im einzelnen ist, werden Sie erfahren, wenn Sie sich ernsthaft bewerben, aber auch dann stehen Sie vor dem "Wir", zu dem Sie (noch) nicht gehören. Der Wunsch, dass es bald so sein möge, soll suggeriert werden, ebenso die Vorstellung einer familienähnlichen Umgebung, zu der sie dann gehören werden. Man würde gerne wissen, ob die 3000 Mitarbeiter, die Airbus in den letzten Monaten in Frankreich und Deutschland entlassen hat, auch so empfinden. Jedenfalls, wenn Sie und Ihre Mitbewerber eingestellt sind, stimmt die Bilanz der Arbeitskräfte im Konzern wieder, ist sogar günstiger als vorher, weil in Hamburg nach den veröffentlichten Aussagen 2000 Mitarbeiter eingestellt werden sollen, das Personalbüro hat also 1000 Leute gespart. Lehrsatz: In die Familie wird man nicht nur aufgenommen, sondern man wird auch ohne eigene Schuld ausgeschlossen.

Außerdem: Das "Wir" bezeichnet den Binnenraum der Firma, die anderen draußen gehören nicht dazu und sind höchstens als Abnehmer, Konsumenten oder Förderer interessant. Wie kann es sonst sein, dass Airbus gerade in den letzten Tagen wieder gegenüber dem Internationalen Tierschutz-Fond (IFAW) jede Mitverantwortung für die Auswirkungen der geplanten Werkserweiterung auf die Menschen und ihre Umgebung abgelehnt hat? Nein, nur nicht über die Folgen der eigenen Entscheidungen nachdenken! Das tun schließlich nur Nieten.

Zählen wir einige Folgen auf: - Die erste ist die Zuschüttung des einzigen Süßwasserwatts in Europa, des Mühlenberger Lochs, eingestuft in die höchste internationale Schutzkategorie, die es gibt. Dort soll nun die riesige Montagehalle für den A 380 gebaut werden.

- Eine weitere: Ausgleichsflächen müssen geschaffen werden, teuer und keineswegs gleichwertig.

- Beides, das Loch und die Ausgleichsgebiete, waren bisher natürlicher Sturmflutschutz für die Menschen, der muss jetzt durch neue Deiche gewährleistet werden, die dritte Folge, ebenfalls sehr teuer.

- Die Firma stellte fest, dass die vorhandene Startbahn für den A 380 nicht ausreichen wird. Als vierte Folge droht die Auflösung des Ortes Neuenfelde und die Vertreibung der Menschen, denn das projektierte Ende der Startbahn liegt unmittelbar vor der übrigens denkmalgeschützten Kirche in der Mitte des Ortes. Dort werden vom Hamburger Senat schon Grundstücke aufgekauft, um Klagen und Enteignungsprozessen aus dem Wege zu gehen.

- Durch die Ausweitung der Produktion wird der Werksverkehr auf der Straße enorm zunehmen. Also muss eine Umgehungsstraße für den Ort Finkenwerder gebaut werden, die aber die Obstanbaugebiete in Neuenfelde durchqueren und unbrauchbar machen wird.

- In Frankeich wird zwischen Toulouse und Bordeaux die Straße durch die Weindörfer verbreitert, die Passage ist für die Tieflader zu schmal. Auch dort also Enteignung, Zerstörung und Umsiedlung.

Das alles sind unmittelbare Folgen des Ausbaus in zwei Ländern, ohne dass eine einzige Maschine produziert ist. Die Folgen der Produktion kommen hinzu. Da die Werkteile und das Material von Toulouse nicht nur über Straße, Meer und Fluss, sondern auch durch die Luft kommen, ist jetzt schon der Tower auf dem Werksgelände für täglich 35 Flüge ausgelegt.

- Das bedeutet, die siebte Folge, dass während der in Hamburg erlaubten Flugzeiten täglich fast alle 20 Minuten eine Maschine im Landeanflug die Elbe kreuzt. Masten und Ladegeschirre der großen Containerschiffe ragen aber bis zu 70 Meter hoch. Sie können sich vorstellen, wie die um ihre Schiffe fürchtenden Reedereien reagieren werden.

- Die Flüge werden nicht nur die Großfrachter vom Fluss, sondern auch die Menschen vom Ufer vertreiben. Dort befindet sich aber eines der beliebtesten Naherholungsgebiete Hamburgs. Der Elbwanderweg zwischen Övelgönne und Hirschpark, sieben Kilometer lang, mit Promenaden, Stränden, Restaurants, Hotels und Parks wird praktisch die Einflugschneise sein oder doch unmittelbar von ihr berührt werden. Es liegt auf der Hand, dass das gesamte Gebiet nach und nach bis auf die Neugiertouristen, die Flugzeuge beobachten wollen, "entvölkert" wird.

- Schließlich als neunte Folge der Wertverlust an Grund und Boden, Gebäuden, öffentlichen und privaten, im Überfluggebiet und im Alten Land. Er beträgt nach vorsichtigen Schätzungen etwa DM 22 Milliarden, der durch nichts ausgeglichen werden kann.

Der Hamburger Senat bestätigt indirekt diese Prognose, denn jetzt schon werden auf dem betroffenen Elbufer bei Teufelsbrück wegen des Fluglärms keine Baugenehmigungen mehr für Wohnraum erteilt und selbst in drei Kilometer Entfernung vom Ufer, dort wo auf einem alten Kasernengelände Wohnungen und Häuser für Mitarbeiter von Airbus gebaut werden sollen, werden die Kaufverträge eine Klausel auf Klageverzicht wegen Fluglärms enthalten.

Und für alle diese Folgen fühlt Airbus sich nicht verantwortlich. Ob man dort wirklich meint, man könne auf Dauer ein Produkt erfolgreich vermarkten, das wie der A 380 auf Zustimmung eines breiten Publikums angewiesen ist, wenn man eine derartige soziale Gleichgültigkeit um sich verbreitet?

Eine Folge kann ich Ihnen nicht ersparen: Wenn Sie einen Arbeitsplatz bei Airbus erhalten, wird er einer der kostspieligsten in Deutschland sein:

Der Hamburger Senat subventioniert die Zerstörung des Mühlenberger Lochs, die Eindeichung etc. mit DM 1.3 Milliarden Steuergeldern. Jeder Arbeitsplatz bei Airbus verschlingt also DM 650.000.- an Direktsubvention und etwa das 20fache durch den volkswirtschaftlichen Wertverlust auf beiden Elb-ufern.

Die Folgenzählung muss aber noch weiter gehen:

Außer den direkten und indirekten Geldern kostet jeder Arbeitsplatz auch, statistisch gesehen, 1,5 ­ 2,0 andere Arbeitsplätze. Wieso? Auf dem einen Elbufer werden in Gastronomie, Tourismus und Einzelhandel etwa tausend, auf dem anderen Ufer, auf den Höfen und in den Dörfern des Alten Landes, etwa 3000, im Hafen, weil die Großfrachter ausbleiben werden, weitere 2000 Arbeitsplätze verloren gehen. Bilanz?: 2000 Arbeitsplätze endgültig minus, und das alles ist noch sehr knapp geschätzt.

Keiner sage, das sei Zukunftsmusik und unsicher, wenn, dann trifft das für die durch Politiker und Airbus versprochenen Arbeitsplätze genauso zu.

Bitte keine Missverständnisse: Ich will nicht, dass Sie Ihre Bewerbung zurückziehen, und ich will auch nicht Ihren Job madig machen. Sie sind gewiss nicht dafür verantwortlich, dass Hamburger Politiker und Manager von Airbus Bewerber wie Sie in die Zwangslage bringen, einen Arbeitsplatz auf Kosten anderer übernehmen zu müssen. Aber ich finde, Sie haben ein Recht auf Information, was die Rolle Ihrer zukünftigen Firma und das Umfeld Ihrer Tätigkeit betrifft. Ich wende mich auch nicht gegen Flugzeugbau oder Technik allgemein, ich fliege gern und bewundere diejenigen, die Flugzeuge bauen und sie zum Fliegen bringen können. Ich will nicht die Werke auf Finkenwerder beseitigt sehen und spiele nicht Industrie gegen Natur aus.

Aber ich bin gegen den Bau des A 380 am sog. Hamburger Standort, weil es Alternativen gibt, die von den Politikern, vor allem dem Hamburger Bürgermeister und seinem Wirtschaftssenator, bewusst ausgeschlagen wurden. Sie sind in erster Linie verantwortlich, aber Airbus hat ihre Bereitwilligkeit unter Verzicht auf eigene Verantwortung ausgenutzt. Die Alternativen hätten nicht zu Zerstörung, noch mehr Arbeitslosigkeit, Enteignung und Umsiedlung in Frankreich und Deutschland geführt.

Freilich kann man darüber streiten, ob der A 380 überhaupt notwendig ist. Wir werden in 10 bis 15 Jahren wissen, ob Boeing mit seinem Verzicht auf Großflugzeuge dieser Art nicht die eigentliche, auch technologisch tragfähigere Zukunftsentscheidung getroffen hat. Aber wenn man in den oberen Etagen von EADS unbedingt diesen Weg will, hätte es doch nicht Hamburg zu sein brauchen.

So hätte z.B. alles, was jetzt in Hamburg an dem A 380 vorgenommen wird, auch in Rostock gemacht werden können, und zwar ohne dass wie hier Menschen und Landschaft betroffen worden wären. Dort steht nämlich ein ausreichend großes schon bisher industriell genutztes Gelände, dazu noch an einem hervorragend ausgebauten Hafen zur Verfügung, und die Arbeitsplätze wären dort nötiger gewesen als in dem sowieso mit seiner Industrie überforderten Hamburg.

Wenn man jedoch die rational nicht nachvollziehbare Produktionsteilung aufheben will, dann wäre die totale Fertigung des A 380 in Toulouse sinnvoll. Auch dann könnte man sich die Zerstörungen von Landschaft und Wohngebieten in Hamburg und Frankreich sparen, könnte Arbeitsplätze in Frankreich schaffen, auf die Sie sich sicher ebenso bewerben könnten wie hier, könnte Hamburg mit zusätzlichen Montagearbeiten an den anderen Produkten Ihrer Firma beteiligen, und weder in Frankreich noch in Hamburg hätte sich Widerstand und Unwille erhoben.

Dritte Möglichkeit: Wenn Airbus wirklich zukunftgerichtet arbeiten wollte, dann wäre die Firma zumindest mit der Produktion des A 380 in eines jener Länder gegangen, die diese Maschinen tatsächlich benötigen und einsetzen können, von denen ja auch schon feste Bestellungen vorliegen sollen. Denn in Europa ist das Flugzeug, das jetzt hier, wenigstens teilweise, gebaut werden soll, unbrauchbar, wie Sie sich sicher auch schon gesagt haben.

Dort, in den sog. Schwellenländern, ist nicht nur Raum für Produktionsanlagen vorhanden, sondern sind auch qualifizierte Arbeitsplätze wesentlich notwendiger als in hoch industri-alisierten Ländern wie Deutschland oder Frankreich, und Sie könnten schon durch die Aus-bildung entsprechender Kräfte ökonomische und politische Pionierarbeit für die Zukunft leisten.

Außerdem ist eine derartige Verlagerung Ausdruck politischer Vernunft. Denn es wird nur kurze Zeit dauern, bis die Schwellenländer ihre eigene Flugzeugindustrie aufgebaut haben, und dann steht Ihre zukünftige Firma vor den gleichen Problemen wie der europäische Schiffbau seit 30 Jahren.

Noch einmal die Anzeige: Nieten können wir nur hier gebrauchen. Nicht: Wir brauchen Sie. Gemeinte Bedeutung: Wir wollen Sie gebrauchen (vorausgesetzt, Sie sind keine Niete). Ich wünsche Ihnen, dass man Sie in Ihrem zukünftigen Beruf nie wie einen Gegenstand gebraucht, sondern dass man Sie wegen Ihres Könnens und Ihrer Leistungsfähigkeit braucht und Ihnen das auch sagt. Auch in der Werbung kann Sprache verräterisch sein.

Warum ich Ihnen schreibe? Wegen der Information, wie gesagt. Aber nicht nur, ich wünsche mir, dass Sie Fragen stellen, wenn Sie sich bewerben oder wenn sie bei Airbus arbeiten, Fragen, die man dort nicht stellt, wenn Sie es nicht tun. Und ich hoffe, dass Ihre Fragen zum Nachdenken über die Folgen von Entscheidungen führen, über die Folgen für die betroffenen Menschen, ihre Umgebung, ihre Lebenswelt, die letzten Endes auch Ihre ist und die Ihrer Kinder sein wird. Damit Sie selber, Ihre Kinder und wir nicht an einem Industriestandort leben müssen, sondern in einer Stadt, in der man wohnen, atmen und sich freuen kann.

Dr.Jörn Wittern
22587 Hamburg

© by Dr.P.C. Mohr und Sylvia Borgmann, Hamburg 2000-2004. Letzte Änderung: 2001-07-01 05:33