Prof.Dr.Jörn Wittern
Hamburg-Blankenese

Zum Interview von Senator Mirow im Abendblatt am 30.4./1.5.01

Dem Abendblatt sei Dank für dieses Musterbeispiel an Politiker-Sprache. Herr Mirow kann die Angst in Neuenfelde verstehen und schürt sie gleichzeitig. Es bestehen gegenwärtig keine Planungen zur Startbahnverlängerung bis in den Ort, was heißt, für die Zukunft sind sie nicht ausgeschlossen. EADS hat noch keinen Antrag auf Verlängerung gestellt, aber wenn, wird man ihn sorgfältig (ist das nicht selbstverständlich?) prüfen und kauft vorsorglich schon Grundstücke auf, damit Lärmklagen vermieden werden. Das ist die einzig wertvolle Information in diesem Interview, und sie stimmt überein mit den Verweigerungen von Baugenehmigungen in Teufelsbrück , ebenfalls wegen möglicher Lärmschutzklagen bzw. der Einfügung von Klauseln in Kaufverträge im ehemaligen Elbschlossgebiet, bei Erwerb auf Klagen wegen Lärmbelästigung zu verzichten.

Falls ehrgeizige Flugingenieure und Firmenmanager bei EADS also auf die Idee kommen, es wäre notwendig, eine verlängerte Version des A380 zu bauen, wird, allerdings nach sorgfältiger Prüfung, das Dorf geopfert, einschließlich der denkmalgeschützten Kirche, der Arp-Schnittker-Orgel usw. Vermutlich werden Herr Mirow oder seine Nachfolger auch dann noch von der Erhaltung von Arbeitsplätzen reden. Sie werden damit allerdings nur zeigen, wie sehr Hamburg infolge der Entscheidungen des Senats von Industriebetrieben politisch erpresst werden kann. Sie werden dabei natürlich wie bisher die aus dieser Politik folgende Vernichtung von Arbeitsplätzen im Alten Land verschweigen, ebenso wie das in Zukunft zu erwartende Verschwinden von hunderten Arbeitsplätzen im Hafen, wenn erst einmal trotz Elbvertiefung die großen Containerschiffe Hamburg wegen ihrer Gefährdung durch die EADS-Flüge nicht mehr anlaufen.

Was nicht vergessen werden darf: In Neuenfelde wird ein Stück Hamburg vernichtet. Die Bewohner haben die Solidarität der ganzen Stadt verdient.

Außerdem: Es geht um das Alte Land als Gesamtregion. Die Straßen- und Autobahntrassen, die Sicherheitszone für den EADS-Ausbau, die dann notwendige Anbindung an das Hamburger Straßennetz werden das Gebiet nicht nur in Mitleidenschaft ziehen, sondern zerstören. Und die Gerüchte um die Errichtung eines großen Frachtflughafens in dieser Region, weil Fuhlsbüttel nicht erweitert werden kann, wollen nicht verstummen.

Herr Mirow hat recht: Es gibt keine konkreten Pläne. Aber es gibt nicht konkrete Überlegungen und noch mehr Begehrlichkeiten und Aufkäufe wie in Neuenfelde: Doch die Eigentümer im Alten Land können sich trösten: Das Geld, das sie für ihre Häuser, ihren Grund und Boden bekommen, stammt ja von ihnen, jedenfalls zu einem großen Teil, denn es sind ihre Steuern, mit denen sie bezahlt werden. (Die der übrigen Hamburger auch, und es bleibt nur zu hoffen, dass dies immer mehr Bürgern bewusst wird.)

Angst in Neuenfelde? Nein, jetzt nicht mehr, denn dank Herrn Mirows Offenheit hat man jetzt dort und in der gesamten Region des Alten Landes Gewissheit: Der Ausbau wird kommen und der Ausverkauf des Ortes und der Region auch, sie wird unbewohnbar und für menschliche Nutzung verloren sein, es sei denn man sieht industrielle Nutzung als menschlich an. Man kann also den Bewohnern nur raten, Widerstand zu leisten und alle diese unkonkreten Pläne zu Fall zu bringen. Die sehr konkrete Solidarität vieler Hamburger sollte ihnen sicher sein.

Jörn Wittern, 22587 Hamburg

© by Dr.P.C. Mohr und Sylvia Borgmann, Hamburg 2000-2004. Letzte Änderung: 2001-07-01 05:33