Prof.Dr.Jörn Wittern
Hamburg, den 28.Mai 2001
Hamburger Abendblatt Redaktion Leserbriefe
Bezug: Pfingstausgabe Liebermann-Bild
Die Idylle des wunderbaren Liebermann-Bildes von der Lindenterrasse bei Jacob als Illustration für ein schönes Pfingsten? Die meisten Hamburger wurden durch das miserable Wetter davon abgehalten, nachzuprüfen, wie es mit dieser Idylle steht.
Sie sollten es schleunigst nachholen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Zwar zeigt die Lindenterrasse ihre alte Pracht und das großartige Restaurant ebenfalls, aber wenn man den Blick nicht gerade nur auf dem Kuchenteller oder dessen Rand ruhen, sondern über die Elbe wandern lässt, fühlt man sich beim Anblick der Pontons mit Kränen, der Bagger, der wachsenden Spundwände, der Schuten und eifrigen Verbindungsboote, die wie Wachschiffe das weite Halbrund um das Mühlenberger Loch umkreisen, an mittelalterliche Belagerungsflotten erinnert.
Und so soll es wohl auch sein. Natur wird belagert und zerstört, unwiederbringlich und mit ihr Liebermanns Idylle. Und wenn in fünf Jahren alle zwanzig Minuten die Einflugschneise über dem eng benachbarten Jenischpark von den Maschinen auf ihrem Weg nach Finkenwerder benutzt werden, sicher auch durch solche vom Typ A 380, dann wird auf der Terrasse wohl nicht einmal mehr ein Gespräch geführt werden können, es sei denn der Kellner liefert neben dem Kaffee gleich ein Megaphon mit.
Ein Stück Hamburg war sie, die Idylle, ein Teil der Identität dieser Stadt. Es geschieht nicht oft im Leben, dass man von einer Terrasse aus zusehen kann, wie eine Stadt Stück für Stück zerstört wird.
Dr.Jörn Wittern
22587 Hamburg
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