Georg-August-Universität Göttingen, Institut für Agrarökonomie
Der Direktor Prof. Dr. R. Marggraf
Gutachterliche Stellungnahme zur Ermittlung der regionalwirtschaftlichen Wirkungen des A3XX durch die PROGNOS GmbH
Diese Stellungnahme bezieht sich auf
- den Bericht "Airbus A3XX-Endlinienfertigung-Regionalwirtschaftliche Effekte für die Metropolregion Hamburg" vom 26.08.1998,
- das Management Summary "A3XX-Regionalwirtschaftliche Effekte für die Metropolregion Hamburg" vom 8. August 2000 und
- eine "Ergänzende Erläuterung" in einem Schreiben an die Wirtschaftsbehörde vom 27.12.2000.
Zusammengefaßt lautet mein Urteil wie folgt:
Die von der PROGNOS GmbH vorgelegte quantitative regionalwirtschaftliche Analyse ist
- (a) nicht nachvollziehbar, ihre Ergebnisse können geglaubt werden oder nicht. Darüber hinaus weist die Analyse unter konzeptionellen Aspekten Defizite auf, da nur eine Teilmenge der relevanten regionalwirtschaftlichen Effekte betrachtet wird. Die Analyse ist unvollständig und somit
- (b) nicht aussagekräftig.
zu (a):
Ausgangspunkt der Analyse der PROGNOS GmbH sind Angaben darüber, welche Ausgaben das Airbus Unternehmen EADS im Zusammenhang mit dem Investitionsprojekt Airbus A3XX tätigen wird und wie viele dauerhafte und befristete Arbeitsplätze durch dieses Projekt in dem Unternehmen neu geschaffen werden. Diese Zahlen resultieren aus Planungen des Unternehmens, die unter der Annahme bestimmter Rahmenbedingungen getroffen wurden. Ändern sich diese Rahmenbedingungen, dann wird (muß) das Unternehmen darauf reagieren. Dieser Sachverhalt wird in dem Gutachten nicht hinreichend berücksichtigt. Dies gilt insbesondere für die Zahl der zusätzlich geschaffenen dauerhaften Arbeitsplätze. Welche Annahmen sind entscheidend für die Zahl von 2.000 zusätzlichen dauerhaften Arbeitsplätzen? Von welchem Planungshorizont geht die EADS aus, d. h. wie viele Jahre sind mit "dauerhaft" gemeint? Das Gutachten geht auf diese wichtigen Fragen nicht ein.
Wie aus dem Schreiben vom 27.12.2000 hervorgeht, hat die PROGNOS GmbH die Zahl von 2.000 zusätzlichen Dauerarbeitsplätzen akzeptiert, nachdem sie diese einem Plausibilitätstest unterzogen und bestätigt gefunden hat. Sie hat die 2.000 Arbeitsplätze mit dem Produktionswert von 340 Tausend DM multipliziert, der durchschnittlich durch einen Arbeitsplatz in der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie erwirtschaftet wird. Das Ergebnis stimmte von der Größenordnung her mit dem jährlichen Gesamtproduktionswert überein, der bei einer Produktionsrate von 48 Stück erwirtschaftet wird. Wie wenig aussagekräftig dieser Test ist, verdeutlicht Abbildung 2 des PROGNOS-Berichtes vom 26.08.1998. Hier wird man informiert, daß der Umsatz pro Beschäftigten in der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie sich innerhalb eines Jahres um 28 % geändert hat. Bei einer solchen Dynamik der Arbeitsplatzproduktivität in der Branche ist der Test der PROGNOS GmbH für eine Überprüfung der Plausibilität der Zahl der neu entstehenden Dauerarbeitsplätze in der EADS völlig unzureichend.
Aufgrund der unüberprüft übernommenen Angaben der EADS wird dann berechnet, wie viele Arbeitsplätze in der Metropolregion Hamburg darüber hinaus dauerhaft entstehen oder gesichert werden, mit welcher zusätzlichen regionalen Wertschöpfung zu rechnen ist und welche Steuermehreinnahmen Hamburg zu erwarten hat. Für solche Berechnungen benötigt man ein regionalökonomisches Modell, das man mit entsprechenden empirischen wirtschaftlichen Daten "füttern" muß. Im PROGNOS-Bericht vom 26.08.1998 wird (z. B. auf S. 18) angegeben, daß die Methode der Input-Output-Analyse verwendet worden ist. Im Management Summary vom 08.08.2000 liest man auf S. 3, daß ein ökonometrisches Modell eingesetzt worden ist.
Ein ökonometrisches Modell ist etwas ganz anderes als eine Input-Output-Analyse. Beide Verfahren benötigen ganz unterschiedliche Daten und sind sowohl zeit- als auch arbeitsintensiv. Es ist deshalb unwahrscheinlich, daß die PROGNOS GmbH zunächst (für den Bericht des Jahres 1998) eine Input-Output-Analyse durchgeführt und danach (für den Bericht des Jahres 2000) ein ökonometrisches Modell gerechnet hat. Welchen Ansatz hat die PROGNOS GmbH nun gewählt? Da ich mir nicht vorstellen kann, daß die Zeitreihendaten zur Verfügung standen, die man für ein ökonometrisches Modell braucht, gehe ich im folgenden davon aus, daß die PROGNOS GmbH eine Input-Output-Analyse durchgeführt hat.
Für eine solche Analyse benötigt man eine regionale Input-Output-Tabelle. In dem Gutachten findet sich kein Hinweis, auf welchem Weg die PROGNOS GmbH eine solche Tabelle erstellt hat. Wurde eine originäre Tabellenerstellung im Wege einer eigenständigen Befragung durchgeführt? Wurde ausgehend von der nationalen Input-Output-Rechnung des Statistischen Bundesamtes die relevante Input-Output-Tabelle derivativ erstellt? Oder wurde eine (derivativ erstellte) Input-Output-Tabelle für Hamburg erweitert und fortgeschrieben, z. B. die Input-Output-Tabelle, die von Münzenmeyer & Steglin 1990 erstellt worden ist? Die Wirtschaftsstruktur Hamburgs und seines Umlandes unterscheiden sich erheblich. Wie wurde diesen spezifischen Besonderheiten in der von der PROGNOS GmbH verwendeten Input-Output-Tabelle Rechnung getragen, mit deren Hilfe die Effekte für die Metropolregion Hamburg (Hamburg und Umfeld) berechnet wurden? Welche Gliederungstiefe der Produktionssektoren wurde gewählt? Auf diese für die Qualität der Analyseergebnisse entscheidenden Fragen gibt die Studie keine Antwort.
All dies berechtigt zur Beurteilung, daß die Studie wissenschaftlichen Qualitätsstandards nicht genügt und ihre Ergebnisse als reine Glaubenssache angesehen werden müssen. Da spielt es schon fast keine Rolle mehr, daß diese Ergebnisse auch Inkonsistenzen aufweisen. So haben nach dem PROGNOS-Bericht vom 26.08.1998 die Konsumausgaben von 2.000 zusätzlich Beschäftigten bei der EADS die Konsequenz, daß die Bruttowertschöpfung in der Metropolregion Hamburg um 82 Millionen DM steigt (S. 2). Im Management Summary vom 08.08.2000 (S. 3) bewirken die Konsumausgaben von 2.043 zusätzlichen Beschäftigten, daß die Wertschöpfung um 148 Millionen DM zunimmt. Wie durch die 43 dazugekommenen Beschäftigten diese enorme zusätzliche Wertschöpfung erreicht werden soll, bleibt ein Rätsel.
zu (b):
Die regionalwirtschaftliche Analyse sollte die Frage beantworten, ob das Investitionsprojekt dem Nutzen der Allgemeinheit dient, d. h. ob es im Interesse der Bürger der Stadt Hamburg liegt, dieses Projekt durchzuführen. (Die Kosten des Projekts, einschließlich der Ausgleichsmaßnahmen in den benachbarten Bundesländern, werden von Hamburg allein getragen. Deswegen ist die Stadt Hamburg und nicht die Metropolregion zu betrachten.) Um dies zu beurteilen, müssen alle die Stadt betreffenden gesellschaftlichen Wirkungen möglichst genau ermittelt und bewertet werden. Dies bedeutet zum einen, daß das Vorhaben in seiner Gesamtheit betrachtet werden muß, also beispielsweise auch die Erweiterung des Werksgeländes durch Verfüllung des Mühlenberger Lochs und Verlegung und Aufschüttung der Einmündung des Rüschkanals in die Elbe hinein. Zum anderen dürfen nicht nur die Vorteile herausgestellt werden, sondern müssen auch die Nachteile berücksichtigt werden. In ökonomischer Terminologie ausgedrückt: Die regionalwirtschaftlichen Effekte müssen mit Hilfe einer auf die Stadt Hamburg bezogenen volkswirtschaftlichen Nutzen-Kosten-Analyse durchgeführt werden. Aus nutzen-kosten-analytischer Sicht wäre der PROGNOS-Bericht auch dann unzureichend, wenn seine Ergebnisse korrekt berechnet wären.
Die PROGNOS GmbH hat die Änderungen von drei Größen berechnet: Von den Arbeitsplätzen, von der Bruttowertschöpfung und von den Steuereinnahmen der Stadt Hamburg. Bei der Angabe der möglicherweise entstehenden direkten und indirekten Arbeitsplätze wurde grundsätzlich außer Acht gelassen, daß nicht alle neu geschaffenen bzw. gesicherten Arbeitsplätze für die Stadt Hamburg wirksam sind. Zurechenbar sind nämlich nur die Erwerbsgruppen der Zuwanderer, der Dauerarbeitslosen sowie der sog. stillen Reserve, die aus nicht arbeitslos gemeldeten Personen besteht. Dagegen sind Pendler, die außerhalb des Stadtgebietes wohnen sowie Arbeitskräfte, die auch in anderen Branchen, Unternehmen oder Regionen Beschäftigung finden könnten, nicht zu berücksichtigen. Aufgrund der hohen Qualifikationsansprüche im Flugzeugbau kommen Dauerarbeitslose für direkte neue Arbeitsplätze kaum in Frage. Zur Zeit sind bereits nach veröffentlichten Angaben rund 300 Stellen bei der EADS offen und können nicht ohne weiteres besetzt werden (vergleiche Hamburger Abendblatt vom 01.11.2000, S. 23). Der Facharbeiteranteil beträgt nach veröffentlichten Angaben 98 %. Hier gibt es also schon heute einen beachtlichen Engpaß. Aufgrund des knappen Arbeitskräfte-Angebots ist mit einem hohen Anteil von Arbeitskräften zu rechnen, die von anderen Unternehmen in Hamburg - z. B. Lufthansa-Werft oder KMU - oder aus anderen Regionen abgeworben werden. Derart besetzte Arbeitsplätze sind nicht in die regionalwirtschaftlichen Effekte einzubeziehen. Im PROGNOS-Gutachten wird dies nicht berücksichtigt.
Für die Nutzen-Kosten-Analyse sind die Einkommen von Bedeutung, die auf den der Stadt Hamburg zurechenbaren zusätzlichen Arbeitsplätzen verdient werden. Erstaunlicherweise findet man in dem Bericht der PROGNOS GmbH keine Angaben zu Einkommenseffekten. Hier wird nur die Bruttowertschöpfung berechnet, die keinen Hinweis auf die mit dem Projekt verbundenen zusätzlichen Faktoreinkommen erlaubt. Es gibt keine Informationen zu den Abschreibungen, den indirekten Steuern und Subventionen, also zu den Größen, die den Unterschied von Bruttowertschöpfung und Faktoreinkommen ausmachen.
Vollständig vernachlässigt werden von der PROGNOS GmbH die volkswirtschaftlichen Kosten des Gesamtvorhabens, die für die Stadt Hamburg entstehen. Diese resultieren zum einen aus den externen Effekten des Vorhabens. Zu den externen Effekten zählt die Zerstörung des Naturschutzgebietes Mühlenberger Loch, die Einschränkung der Naherholungsmöglichkeiten sowie die zu erwartende Lärmbelästigung, die mit den Starts und Landungen des Airbus A3XX verbunden ist. Für die monetäre Bewertung dieser externen Effekte sind anerkannte Bewertungsverfahren entwickelt worden, so daß auch hier eine Quantifizierung vorgenommen werden kann.
Eine zweite wichtige volkswirtschaftliche Kostenkomponente, die vernachlässigt worden ist, resultiert aus den mit dem Vorhaben verbundenen Finanzierungskosten der Freien und Hansestadt Hamburg. Zu finanzieren sind beispielsweise die Kosten der "Herrichtung" des Mühlenberger Lochs sowie der Natur-Ausgleichsmaßnahmen Hahnöfer Sand usw. sowie weitere Infrastrukturinvestionen, die in Folge zuwandernder oder pendelnder Arbeitskräfte notwendig sind. Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser projektinduzierten staatlichen Ausgaben sind bestimmt durch die Opportunitätskosten, die aus dem Nutzenentgang durch Verzicht auf alternative Ausgabemöglichkeiten resultieren.
Bei allen Nutzen- und Kostenkomponenten muß natürlich auch der Zeitpunkt ihres Entstehens berücksichtigt werden, die zeitliche Verteilung der Effekte ist nicht - so wie es der PROGNOS-Bericht suggeriert - irrelevant: Zu berücksichtigen sind nicht die Nutzen und Kosten zu laufenden Preisen, sondern deren Barwerte.
Die regionalwirtschaftliche Analyse der PROGNOS GmbH ist somit von ihrer Konzeption her nicht geeignet, die für die Stadt Hamburg relevanten Vor- und Nachteile des Gesamtvorhabens unter Einbeziehung der gesellschaftlichen Wirkungen darzustellen und zu bewerten. Selbst wenn die errechneten Ergebnisse alle korrekt wären, sie wären als Entscheidungsgrundlage für die Überlegung, ob das Vorhaben zum Nutzen der Allgemeinheit beiträgt, unbrauchbar.
Göttingen, 22. Januar 2001
Prof. Dr. Rainer Marggraf
2.2001
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